Geschichten vom Anhalter Bahnhof
Intro
Anhalter Bahnhof: Sehnsuchts- und Schicksalsort
Erinnerungen an freudvolle Abfahrten zu fernen Reisezielen und an die Wiederkehr in die Heimat stehen den Geschichten von der Flucht ins Ungewisse oder Berichten von der Deportation in den Tod gegenüber.
In der Geschichte des Anhalter Bahnhofs spiegeln sich über 180 Jahre deutscher Geschichte. Zwischen 1841 und 1952 war der Bahnhof Knotenpunkt fuer Reisen von und nach Berlin. In seinem Umfeld florierten Gewerbe, Hotels und Industrie. Sie verschwanden teils wieder, nachdem die Ruine des Bahnhofsbaus gesprengt und der Bahnverkehr eingestellt worden war. Damals wie heute, in seiner Anwesenheit und Abwesenheit, dirigiert der Bahnhof das urbane Leben seiner Umgebung.

In 15 aufeinanderfolgenden Erzählungen berichten Menschen aus der Geschichte des Anhalter Bahnhofs von den Veränderungen an diesem Ort, der von einem kleinen Bahnhof auf den Feldern vor den Toren Berlins zum Kristallisationspunkt der frühen Metropole wurde und heute als Sportplatz genutzt wird: Sie erzählen vom Fortschritt der Industrialisierung, von der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und von der Zukunft des Geländes – vom Bedeutungsgewinn und dem völligen Bedeutungsverlust eines Ortes, der zu einem Berliner Mythos wurde.
Orientierung
Rundgang
Die Audiodateien auf dieser Website können nacheinander oder einzeln angehört werden. Ein begleitender Rundgang um das Areal des ehemaligen Anhalter Bahnhofs ist auf der Karte verzeichnet. 

Die Markierungen kennzeichnen spezifische Orte, die eine besondere Aussicht auf die Bahnhofsbrache und seine Umgebung ermöglichen. 
Heute
0/ Begrüßung
Vor dem Excelsiorhaus (Supermarkt), Stresemannstraße mit Blick auf den Portikus
Einst stand hier der Anhalter Bahnhof, das damals größte Bahnhofsgebäude Europas. Heute spielen Kinder auf dem Fußballplatz, im Tempodrom treten Kabarettist:innen auf und im Liquidrom wird entspannt gebadet. Die quirlige Urbanität von damals ist kaum mehr zu erahnen. Umso spannender ist die Geschichte des Areals, wo die Gegensätze aufeinanderprallten: Ankunft und Abfahrt, Freiheit und Exil, Reisefreude und Deportation, Staatsempfänge und Prekarität.
Einleitung
1841 – 1871 // Erster Anhalter  Bahnhof
1/ Neuland
Vor dem Excelsiorhaus, Stresemannstraße mit Blick auf den Portikus.
Nie zuvor sind Menschen und Güter schneller unterwegs gewesen, als mit dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn. Sie verbindet Städte und Länder neu, revolutioniert das Reisen und wird auch die Stadt entscheidend verändern. Das Warten auf den Zug ist neu und aufregend. Züge fahren – anders als Postkutschen – pünktlich. Der Anhalter Bahnhof liegt 1841 noch vor den Toren der Stadt, am Rande der Stadtmauer.
Lokführer, 1841, 1851
1871 – 1874 // Planungszeit Neubau
2/ Rasanter Fortschritt der
Industrialisierung
Stresemannstraße überqueren zum Askanischen Platz, auf eine Bank in der Grünanlage vor dem Portikus setzen
Noch mehr Passagiere, noch mehr Güter für die wachsende Stadt: Der Anhalter Bahnhof ist der „Reichshauptstadt“ in Größe und Architektur nicht mehr angemessen. Der Abriss und Neubau stehen an. Zudem bietet der technische Fortschritt verlockende Möglichkeiten, die Modernität des Staates zu repräsentieren.
Architekturbüro-Angestellter, 1871, 1878
1874 – 1880 // Bauzeit
3/ Ingenieurtechnisches Meisterwerk
Um die Grünanlage vor dem Portikus laufen oder auf der Bank sitzen
Nichts ist zu teuer für die Träume der Bauherren und Ingenieure: Filigranes Fassadendekor im zarten Berliner Neoklassizismus umhüllt ein ingenieurtechnisches Meisterwerk: die imposante Deckenkonstruktion, berechnet von einem Literaten.Die Baukosten explodieren. Die Eröffnung wird ein Erfolg.
Stuckateur, 1880
Beamter, 1880
1880 – 1914 // Kaiserreich
4/ Großer Bahnhof für den Kaiser
Um die Grünanlage vor dem Portikus laufen oder auf der Bank sitzen
Der Kaiser selbst reist mit dem Zug und empfängt seine Staatsgäste jetzt auch am Anhalter Bahnhof, in einem eigens eingerichteten Empfangsgebäude. Die bürgerlichen Fahrgäste steigen in einem der nun zahlreichen Hotels ab. Der Kolonialismus wird auch am Anhalter Bahnhof sichtbar: Die Bagdadbahn ist in Planung; fremde Kolonialwaren aus der Ferne werden geliefert.
Hofmitarbeiter des Kaisers, 1889, 1913
Zeitungsjunge, 1907, 1913, 1914
Zimmermädchen, 1912, 1913, 1914
1914 – 1918 // Erster Weltkrieg
5/ Transport an die Front
Mit Blick auf den Portikus (Front) links halten und dann rechts in die Möckernstraße einbiegen
Es ist Krieg in Europa. Die Reisen zum Vergnügen finden ein jähes Ende. Truppentransporte und Versorgungszüge an die Front sind die neue Priorität. Was mit Euphorie und Siegesgewissheit begann, wird zum grausamen Erwachen vieler junger Menschen.
Junger Soldat, 1914
Lazarett-Krankenschwester, 1918
1918 – 1933 // Weimarer Republik
6/ Zeiten der Unruhe in der ersten deutschen Republik
Richtung Tempodrom am Sportplatz entlanglaufen (zur Rechten)
Der Krieg ist verloren. Für viele ist das ein Versagen der Politik. Für diese ein Verrat der Opposition. Revolutionäre Kräfte formieren sich in Straßenkämpfen, auch am Anhalter Bahnhof. Die junge Weimarer Republik hat es – trotz „Goldener Zwanziger“ – schwer: Inflation, politische Instabilität, Zerfall der Gesellschaft. In Hotels und Vergnügungslokalen um den Anhalter Bahnhof trifft Prominenz auf Proletariat.
Anhängerin Erich Mühsams, 1924
Mitarbeiterin der Bahnhofsmission, 1929
Junger Reisender, 1931
Bruch I
1933­ – 1939 // Nationalsozialismus
7/ Schein und Wahrheit des Faschismus
Vor den Stufen zur Terrasse des Tempodroms, auf die Terrasse gehen
Auf dem Anhalter Bahnhof weht die Hakenkreuzfahne. Die Nationalsozialisten zeigen sich bei den Olympischen Spielen in Berlin weltoffen. „Kraft durch Freude“ macht das Reisen für Arbeiter:innen-Familien erschwinglich. Doch im Schatten dieser Inszenierungen beginnen Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Terror: Erste jüdische Bürger:innen und politisch Verfolgte fliehen.
Gästin der Olympiade, 1936
Fliehende Jüdin, 1936, 1938
Kioskverkäufer, 1937, 1940
1939 – 1945 // Zweiter Weltkrieg
8/ Flucht, Vernichtung, Tod
Auf der Terrasse des Tempodroms mit Blick auf das Excelsiorhaus, den Sportplatz und den Bunker (v.r.n.l.)
Mit dem Überfall auf Polen beginnt ein neuer Krieg. Wieder fahren Soldat:innen an die Front, wieder verlassen Menschen über den Anhalter Bahnhof ihre Heimat, Kinder werden zur Sicherheit aufs Land geschickt. In Deportationszügen werden nun – für alle sichtbar – Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager verbracht.
Kind, 1940, 1944, 1945
Heizer, 1942, 1942
Bruch II
1945 – 1952 // Deutsche Teilung
9/ Geteilte Stadt, verlorene Gleise
Dem Sportplatz den Rücken kehren und links am Tempodrom vorbei über die Terrasse Richtung Elise-Tilse-Park laufen
Das Aushängeschild der Berliner Eisenbahnlandschaft liegt in Trümmern. Die innovative Deckenkonstruktion ist einsturzgefährdet und muss gesprengt werden. Zahlreiche Kriegsheimkehrer, Geflüchtete und Displaced Persons kommen hier an, in Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Geflüchtete Frau, 1946
Bahnhofsvorsteher, 1949
1952 – 1961 // Einstellung des Fahrbetriebs und Abriss
10/ Der letzte Zug
Die Terrasse über die zentralen Stufen zum Elise-Tilse-Park verlassen, in den Park laufen
Der Anhalter Bahnhof erlebt seine letzten Tage. Trotz einiger Proteste wird der ehemals größte europäische Bahnhof stillgelegt. Wie robust er gebaut war, zeigt sich an den zahlreichen Sprengungen, die erforderlich sind, um ihn abzureißen.
Passagierin im letzten Zug, 1952
U-Bahnfahrer, 1961
1961 – 1978
11/ Vakuum
Geradeaus durch den Elise-Tilse-Park laufen Richtung Lanwehrkanal, vorbei an den sichtbaren Spuren des Eisenbahngeländes
Nur die Reste des Portikus blieben erhalten. Wo sich früher Züge aneinanderreihten, Passagiere einstiegen und Gepäck verladen wurde, befindet sich nun eine große Brachfläche: Ein Symbol für die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, die die Menschen nun schnell vergessen wollten.
Architekt der Stadtplanung, 1971
1978 – 1989
12/ Die Entdeckung des Abwesenden
Geradeaus zur Brücke Richtung Technikmuseum laufen (Anhalter Steg), Halt an oder auf der Brücke mit Blick auf das Technikmuseum
Die geteilte Stadt feiert ihren 750. Geburtstag, in Ost und West. Auf der Brache des Anhalter Bahnhofs wird die Ausstellung „Mythos Berlin“ gezeigt. Nebenan entsteht auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof das Deutsche Technikmuseum. Die Bürger:innen erschließen sich langsam die Geschichte ihrer Stadt.
Mitbegründer Technikmuseum, 1982
Bürgerin, 1987
1990 – 2005 // Sanierung Portikus und Tempodrom
13/ Rettung des Portikus
An der Brücke umkehren, auf der linken Seiten durch den Elise-Tilse-Park zurück Richtung Tempodrom gehen
Bürger:innen sprechen sich energisch für den Erhalt des Portikus, des einzigen baulichen Zeugnisses des Bahnhofs, aus. Es wird eine denkmalgerechte Restaurierung durchgeführt. Der Kiez um den Bahnhof wird nach und nach neu bebaut, unter anderem entsteht die Veranstaltungshalle Tempodrom.
Mitarbeiterin Tempodrom, 2001
Restauratorin, 2002, 2005
Gegenwart 2023
14/ Stagnation
Die zentralen Stufen zur Terrasse Tempodrom hinaufgehen, links halten und am Tempodrom vorbeigehen, Blick auf den Bunker, Sportplatz und Portikus (v.l.n.r.)
Vorsichtig wird das Bahnhofsareal neu genutzt: Ein großer Sportplatz steht nun für die Kinder der Umgebung zum Spielen bereit. Pappeln und andere Bäume markieren den ursprünglichen Grundriss des Bahnhofs, dessen Name der heutige S-Bahnhof weiterträgt. Immer mehr Luxuswohnungen entstehen im Kiez.
Langjährige Anwohnerin, 2022
Zukunft
15/ Weichenstellung Flucht und Exil
Die Terrasse Tempodrom verlassen und Richtung Portikus mit dem Sportplatz zur Rechten zurückkehren, Ende am Portikus
Wie weiter? Es ist still geworden um den großen Bahnhof. Vom Reiseverkehr und der Urbanität des Bahnhofsviertels ist nur die Hotellandschaft geblieben. Auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist der Bau des Exilmuseums geplant. Dieses will auch die Geschichten historisch aufarbeiten, die am Anhalter Bahnhof stattfanden. Eine Zukunft mit der Vergangenheit.
Langjährige Anwohnerin, 2022
Ende
Textfassung
der
Audiodateien
Textfassung.pdf
Geschichten vom Anhalter Bahnhof
Intro
Anhalter Bahnhof: Sehnsuchts- und Schicksalsort
Erinnerungen an freudvolle Abfahrten zu fernen Reisezielen und an die Wiederkehr in die Heimat stehen den Geschichten von der Flucht ins Ungewisse oder Berichten von der Deportation in den Tod gegenüber.
In der Geschichte des Anhalter Bahnhofs spiegeln sich über 180 Jahre deutscher Geschichte. Zwischen 1841 und 1952 war der Bahnhof Knotenpunkt für Reisen von und nach Berlin. In seinem Umfeld florierten Gewerbe, Hotels und Industrie. Sie verschwanden teils wieder, nachdem die Ruine des Bahnhofsbaus gesprengt und der Bahnverkehr eingestellt worden war. Damals wie heute, in seiner Anwesenheit und Abwesenheit, dirigiert der Bahnhof das urbane Leben seiner Umgebung.

In 15 aufeinanderfolgenden Kapiteln berichten Menschen aus der Geschichte des Anhalter Bahnhofs von den Veränderungen an diesem Ort, der von einem kleinen Bahnhof auf den Feldern vor den Toren Berlins zum Kristallisationspunkt der frühen Metropole wurde und heute als Sportplatz genutzt wird: Sie erzählen vom Fortschritt der Industrialisierung, von der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und von der Zukunft des Geländes – vom Bedeutungsgewinn und dem völligen Bedeutungsverlust eines Ortes, der zu einem Berliner Mythos wurde.
Orientierung
Rundgang
Die Audiodateien auf dieser Website können nacheinander oder einzeln angehört werden. Ein begleitender Rundgang um das Areal des ehemaligen Anhalter Bahnhofs ist auf der Karte verzeichnet. Kurze Standortbeschreibungen in den einzelnen Kapiteln weisen den Weg.

Die Markierungen kennzeichnen spezifische Orte, die eine besondere Aussicht auf die Bahnhofsbrache und seine Umgebung ermöglichen. 

Am Ende der Website befinden sich ein PDF aller eingesprochener Texte mit Verweisen, ein detailliertes Abbildungsverzeichnis sowie weiterführende Hinweise.
Heute
0/ Begrüßung
Vor dem Excelsiorhaus (Supermarkt), Stresemannstraße mit Blick auf den Portikus
Einst stand hier der Anhalter Bahnhof, das damals größte Bahnhofsgebäude Europas. Heute spielen Kinder auf dem Fußballplatz, im Tempodrom treten Kabarettist:innen auf und im Liquidrom wird entspannt gebadet. Die quirlige Urbanität von damals ist kaum mehr zu erahnen. Umso spannender ist die Geschichte des Areals, wo die Gegensätze aufeinanderprallten: Ankunft und Abfahrt, Freiheit und Exil, Reisefreude und Deportation, Staatsempfänge und Prekarität.
Einleitung
1841 – 1871 // Erster Anhalter  Bahnhof
1/ Neuland
Vor dem Excelsiorhaus, Stresemannstraße mit Blick auf den Portikus.
Nie zuvor sind Menschen und Güter schneller unterwegs gewesen, als mit dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn. Sie verbindet Städte und Länder neu, revolutioniert das Reisen und wird auch die Stadt entscheidend verändern. Das Warten auf den Zug ist neu und aufregend. Züge fahren – anders als Postkutschen – pünktlich. Der Anhalter Bahnhof liegt 1841 noch vor den Toren der Stadt, am Rande der Stadtmauer.
Lokführer, 1841, 1851
1871 – 1874 // Planungszeit Neubau
2/ Rasanter Fortschritt der
Industrialisierung
Stresemannstraße überqueren zum Askanischen Platz, auf eine Bank in der Grünanlage vor dem Portikus setzen
Noch mehr Passagiere, noch mehr Güter für die wachsende Stadt: Der Anhalter Bahnhof ist der „Reichshauptstadt“ in Größe und Architektur nicht mehr angemessen. Der Abriss und Neubau stehen an. Zudem bietet der technische Fortschritt verlockende Möglichkeiten, die Modernität des Staates zu repräsentieren.
Architekturbüro-Angestellter, 1871, 1878
1874 – 1880 // Bauzeit
3/ Ingenieurtechnisches Meisterwerk
Um die Grünanlage vor dem Portikus laufen oder auf der Bank sitzen
Nichts ist zu teuer für die Träume der Bauherren und Ingenieure: Filigranes Fassadendekor im zarten Berliner Neoklassizismus umhüllt ein ingenieurtechnisches Meisterwerk: die imposante Deckenkonstruktion, berechnet von einem Literaten. Die Baukosten explodieren. Die Eröffnung wird ein Erfolg.
Stuckateur, 1880
Beamter, 1880
1880 – 1914 // Kaiserreich
4/ Großer Bahnhof für den Kaiser
Um die Grünanlage vor dem Portikus laufen oder auf der Bank sitzen
Der Kaiser selbst reist mit dem Zug und empfängt seine Staatsgäste jetzt auch am Anhalter Bahnhof, in einem eigens eingerichteten Empfangsgebäude. Die bürgerlichen Fahrgäste steigen in einem der nun zahlreichen Hotels ab. Der Kolonialismus wird auch am Anhalter Bahnhof sichtbar: Die Bagdadbahn ist in Planung; fremde Kolonialwaren aus der Ferne werden geliefert.
Hofmitarbeiter des Kaisers, 1889, 1913
Zeitungsjunge, 1907, 1913, 1914
Zimmermädchen, 1912, 1913, 1914
1914 – 1918 // Erster Weltkrieg
5/ Transport an die Front
Mit Blick auf den Portikus (Front) links halten und dann rechts in die Möckernstraße einbiegen
Es ist Krieg in Europa. Die Reisen zum Vergnügen finden ein jähes Ende. Truppentransporte und Versorgungszüge an die Front sind die neue Priorität. Was mit Euphorie und Siegesgewissheit begann, wird zum grausamen Erwachen vieler junger Menschen.
Junger Soldat, 1914
Lazarett-Krankenschwester, 1918
1918 – 1933 // Weimarer Republik
6/ Zeiten der Unruhe in der ersten deutschen Republik
Richtung Tempodrom am Sportplatz entlanglaufen (zur Rechten)
Der Krieg ist verloren. Für viele ist das ein Versagen der Politik. Für diese ein Verrat der Opposition. Revolutionäre Kräfte formieren sich in Straßenkämpfen, auch am Anhalter Bahnhof. Die junge Weimarer Republik hat es – trotz „Goldener Zwanziger“ – schwer: Inflation, politische Instabilität, Zerfall der Gesellschaft. In Hotels und Vergnügungslokalen um den Anhalter Bahnhof trifft Prominenz auf Proletariat.
Anhängerin Erich Mühsams, 1924
Mitarbeiterin der Bahnhofsmission, 1929
Junger Reisender, 1931
Bruch I
1933­ – 1939 // Nationalsozialismus
7/ Schein und Wahrheit des Faschismus
Vor den Stufen zur Terrasse des Tempodroms, auf die Terrasse gehen
Auf dem Anhalter Bahnhof weht die Hakenkreuzfahne. Die Nationalsozialisten zeigen sich bei den Olympischen Spielen in Berlin weltoffen. „Kraft durch Freude“ macht das Reisen für Arbeiter:innen-Familien erschwinglich. Doch im Schatten dieser Inszenierungen beginnen Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung und Terror: Erste jüdische Bürger:innen und politisch Verfolgte fliehen.
Gästin der Olympiade, 1936
Fliehende Jüdin, 1936, 1938
Kioskverkäufer, 1937, 1940
1939 – 1945 // Zweiter Weltkrieg
8/ Flucht, Vernichtung, Tod
Auf der Terrasse des Tempodroms mit Blick auf das Excelsiorhaus, den Sportplatz und den Bunker (v.r.n.l.)
Mit dem Überfall auf Polen beginnt ein neuer Krieg. Wieder fahren Soldat:innen an die Front, wieder verlassen Menschen über den Anhalter Bahnhof ihre Heimat, Kinder werden zur Sicherheit aufs Land geschickt. In Deportationszügen werden nun – für alle sichtbar – Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager verbracht.
Kind, 1940, 1944, 1945
Heizer, 1942, 1943
Bruch II
1945 – 1952 // Deutsche Teilung
9/ Geteilte Stadt, verlorene Gleise
Dem Sportplatz den Rücken kehren und links am Tempodrom vorbei über die Terrasse Richtung Elise-Tilse-Park laufen
Das Aushängeschild der Berliner Eisenbahnlandschaft liegt in Trümmern. Die innovative Deckenkonstruktion ist einsturzgefährdet und muss gesprengt werden. Zahlreiche Kriegsheimkehrer, Geflüchtete und Displaced Persons kommen hier an, in Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Geflüchtete Frau, 1946
Bahnhofsvorsteher, 1949
1952 – 1961 // Einstellung des Fahrbetriebs und Abriss
10/ Der letzte Zug
Die Terrasse über die zentralen Stufen zum Elise-Tilse-Park verlassen, in den Park laufen
Der Anhalter Bahnhof erlebt seine letzten Tage. Trotz einiger Proteste wird der ehemals größte europäische Bahnhof stillgelegt. Wie robust er gebaut war, zeigt sich an den zahlreichen Sprengungen, die erforderlich sind, um ihn abzureißen.
Passagierin im letzten Zug, 1952
U-Bahnfahrer, 1961
1961 – 1978
11/ Vakuum
Geradeaus durch den Elise-Tilse-Park laufen Richtung Lanwehrkanal, vorbei an den sichtbaren Spuren des Eisenbahngeländes
Nur die Reste des Portikus blieben erhalten. Wo sich früher Züge aneinanderreihten, Passagiere einstiegen und Gepäck verladen wurde, befindet sich nun eine große Brachfläche: Ein Symbol für die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, die die Menschen nun schnell vergessen wollten.
Architekt der Stadtplanung, 1971
1978 – 1989
12/ Die Entdeckung des Abwesenden
Geradeaus zur Brücke Richtung Technikmuseum laufen (Anhalter Steg), Halt an oder auf der Brücke mit Blick auf das Technikmuseum
Die geteilte Stadt feiert ihren 750. Geburtstag, in Ost und West. Auf der Brache des Anhalter Bahnhofs wird die Ausstellung „Mythos Berlin“ gezeigt. Nebenan entsteht auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof das Deutsche Technikmuseum. Die Bürger:innen erschließen sich langsam die Geschichte ihrer Stadt.
Mitbegründer Technikmuseum, 1982
Bürgerin, 1987
1990 – 2005 // Sanierung Portikus und Tempodrom
13/ Rettung des Portikus
An der Brücke umkehren, auf der linken Seiten durch den Elise-Tilse-Park zurück Richtung Tempodrom gehen
Bürger:innen sprechen sich energisch für den Erhalt des Portikus, des einzigen baulichen Zeugnisses des Bahnhofs, aus. Es wird eine denkmalgerechte Restaurierung durchgeführt. Der Kiez um den Bahnhof wird nach und nach neu bebaut, unter anderem entsteht die Veranstaltungshalle Tempodrom.
Mitarbeiterin Tempodrom, 2001
Restauratorin, 2002, 2005
Gegenwart 2023
14/ Stagnation
Die zentralen Stufen zur Terrasse Tempodrom hinaufgehen, links halten und am Tempodrom vorbeigehen, Blick auf den Bunker, Sportplatz und Portikus (v.l.n.r.)
Vorsichtig wird das Bahnhofsareal neu genutzt: Ein großer Sportplatz steht nun für die Kinder der Umgebung zum Spielen bereit. Pappeln und andere Bäume markieren den ursprünglichen Grundriss des Bahnhofs, dessen Name der heutige S-Bahnhof weiterträgt. Immer mehr Luxuswohnungen entstehen im Kiez.
Langjährige Anwohnerin, 2022
Zukunft
15/ Weichenstellung Flucht und Exil
Die Terrasse Tempodrom verlassen und Richtung Portikus mit dem Sportplatz zur Rechten zurückkehren, Ende am Portikus
Wie weiter? Es ist still geworden um den großen Bahnhof. Vom Reiseverkehr und der Urbanität des Bahnhofsviertels ist nur die Hotellandschaft geblieben. Auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist der Bau des Exilmuseums geplant. Dieses will auch die Geschichten historisch aufarbeiten, die am Anhalter Bahnhof stattfanden. Eine Zukunft mit der Vergangenheit.
Langjährige Anwohnerin, 2022
Ende
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